Interview mit Tina Lutz

Tina Lutz und Susann Beucke

Interview: Thomas Giebelhausen

T.G.: In ihrem dritten Anlauf auf die Olympischen Spiele haben Sie mit Ihrer Vorschoterin Susann Beucke durch den Sieg bei der Kieler Woche ja auch das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio gelöst. Erst mal Herzlichen Glückwunsch!

Tina: Ja, vielen Dank, das ist super! Wir freuen uns total.

T.G.: Wenig Freude gab’s ja zum Jahresanfang, als die vielen Absagen kamen - erst für die Quali auf Mallorca, dann für Tokyo in diesem Jahr. Da war ja für sehr viele Sportlerinnen und Sportler erst mal die Luft raus. Wie ging’s Ihnen?

Tina: Es ging uns ganz genauso. Das ist ganz natürlich, wenn man als Sportlerin auf einmal sein Ziel nicht mehr hat, dann ist das nicht einfach. Erst mal war da also ein Riesenmotivationsloch und das hat sich auch ziemlich lange gehalten. Erst als klar wurde, dass es die Kieler Woche geben wird, kam die Motivation zurück. Aber ich habe in der Zeit meine Masterarbeit geschrieben und deswegen war ich ganz gut beschäftigt und hatte kaum Zeit, nachzudenken.

T.G.: Sie und Susann haben gerade in Kiel bei sehr viel Wind gezeigt, dass Sie zu den Besten der Welt gehören. Was macht sie beide so schnell, denn es reicht ja nicht nur, nicht zu kentern?

Tina: Ich glaube, das ist viel mentales Training, dass wir selbstsicherer geworden sind und es ist immer auch ein bisschen Glück bei viel Wind. Wenn wir eine starke Böe haben und gerade da halsen müssen, da kann man auch mal Pech haben und dann fällst du halt um. Klar, mehr Training hilft natürlich, dass wir die Halsen auch bei viel Wind und Welle länger stehen.

T.G.: Sie haben ja dieses Jahr genutzt, um so viel wie möglich zu trainieren - auch in Zusammenarbeit mit Ian Barker, dem Silbermedaillengewinner im 49er in Sydney. Was hat er Ihnen mitgeben können?

Tina: Sehr viel Selbstvertrauen, das hat er Stück für Stück bei uns aufgebaut, und er hat unser Boot sehr gut eingestellt, den ganzen Bootstrimm neu aufgearbeitet, die Mastspannung. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten und wir haben die richtige gefunden, dadurch sind wir jetzt relativ schnell bei allen Bedingungen und deswegen ist es eher egal, ob es Starkwind hat oder Mittelwind. Wir sind schnell bei allen Bedingungen.

Tina Lutz und Susann Beucke - Foto: German Sailing Team
Tina Lutz, Susann Beucke: "...eher egal, ob Starkwind oder Mittelwind" - Foto: German Sailing Team

Das alles war eine Wahnsinnstüftelei und braucht riesige Erfahrung. Ted Barker war ja auch Segelmacher. Er schaut sich die Segel an und weiß dann, wie wir sie einstellen müssen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber anderen Trainern, die keine Segelmacherausbildung haben.

T.G.: Habt ihr da viel alleine optimieren können, oder geht das nur mit einem zweiten Boot, einem Sparringspartner?

Tina: Man kann vieles alleine optimieren auf dem Wasser, aber wenn es nur um den Bootsspeed geht, dann braucht man besser einen Sparringspartner.

T.G.: Wieviele Wasserstunden sind zusammengekommen?

Tina: Am Anfag war ja gar nichts. Der Lockdown war schlimm. Wir wurden im März vom Training zurückgeschickt, dann war ich in Innsbruck und von dort konnte ich ja im April/Mai nicht mal über die Grenze. Anfang Juni konnte ich zum ersten Mal wieder segeln. Dann haben wir immer versucht, Zwei-Wochen-Blocks zu machen, also zwei Wochen Training, eineinhalb Wochen frei, zwei Wochen Training. Und als dann klar war, dass die Quali in Kiel kommt, dann gab’s nur noch eins: Vollgas!

T.G.: Wie sieht Ihr Fahrplan aus für Tokyo?

Tina: Wir versuchen ein Revier im Winter zu finden, das möglichst ähnlich ist, wie das Revier in Japan. Dort gibt es ja im Segelrevier eine sehr hohe Welle, also ein starker Schwell, wie man ihn kennt vom Wellenreiten. Dazu sehr unterschiedliche Winde. Das heißt, wir versuchen zum Wintertraining an die Atlantikküste zu kommen, wo es ähnlich ist. Das wird dann also vielleicht Cascais sein oder Villamoura - auf jeden Fall Portugal, wenn es denn überhaupt möglich ist.

T.G.: Falls das geht, wie lange werden Sie dort bleiben?

Tina: Ich denke, wir werden da Ende November, Anfang Dezember hinfahren und wollen dann dort auch immer zwei-Wochen-Blocks trainieren mit einer freien Woche dazwischen. Das ist dann so geplant bis März und dann soll es ja mit der ersten Regatta auf Mallorca losgehen.

T.G.: Dann hoffen wir, dass das alles so klappt und dass Sie dann am Ende mit einer Medaille aus Tokyo heimkommen...

Tina: (lacht laut)... das hoffen wir auch - wir geben auf alle Fälle richtig Gas!

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Interview: Thomas Giebelhausen